Damit auch wir den 1. August feiern können

Liebe Schweizerinnen und Schweizer, liebe ohne Schweizer Pass Mitlebende – ob hier geboren oder zugewandert, ob weiss oder BIPOC.WOC.

Heute feiert die Schweiz ihren Nationalfeiertag – mit Corona-bedingten Einschränkungen, aber mit dem üblichen Pathos. Aber welche Schweiz feiert heute? Und was feiert sie überhaupt?

Am 25. Mai wurde George Floyd in Minneapolis von einem Polizisten ermordet. Seitdem gibt es Proteste auf der ganzen Welt gegen Rassismus und polizeiliche Gewalt. Rassismus in Form von polizeilicher Gewalt gibt es auch in der Schweiz. Mike Ben Peter. Lamine Fatty. Hervé Mandundu – auch sie sind von der Polizei ermordet worden.

Bis heute wurden die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen, weil die Debatte über Rassismus verleugnet, ignoriert und zensiert wird.

Wieso ist es so schwierig, die Diskussion über Rassismus in der Schweiz zu führen?

  • White Guilt – das Phänomen, wenn Weisse sich so schuldig fühlen, dass sie ihre Schuld gar nicht mehr anerkennen können.
  • White Fragility – das Phänomen, wenn sich Weisse persönlich angegriffen fühlen, wenn ihnen Rassismus vorgeworfen wird.

Wenn die Rolle der Schweiz im Kolonialismus und im Sklavenhandel nicht wahrgenommen wird, wie wollen wir dann ein Gespräch über den alltäglichen Rassismus führen?

Die Antwort liegt auf der Hand. Die offizielle Schweiz versteckt sich unter dem Deckmantel der Neutralität und behauptet von sich, nie eine Kolonialmacht gewesen zu sein. Dass die Schweiz aber wirtschaftlich und politisch von Kolonialismus und Sklavenhandel profitiert hat, wird aus dem Kollektivwissen gestrichen. Damit werden unsere Realitäten zensiert und BIPoC’s mundtot gemacht. Wir werden nicht mehr länger schweigen.

Wenn ihr uns fragt, woher wir kommen. Wenn ihr uns in die Haare fasst. Wenn ihr darüber staunt, dass wir Schweizer-Deutsch sprechen können. Wenn ihr sagt, ihr seht keine Hautfarbe. Wenn ihr sagt, ihr könnt nicht rassistisch sein, weil ihr BIPoC’s als Freund*innen habt. Wenn ihr sagt, das Thema Rassismus betreffe euch nicht. Wenn ihr euch über political correctness aufregt. Wenn ihr uns sagt, dass wir noch schön sind für BIPoC’s. Wenn ihr uns in der Feminismus-Diskussion ausschliesst.

Wenn ihr euch als Verbündete seht, müsst ihr in solchen Situationen anti-rassistisch handeln und die rassistischen Aussagen als solche denunzieren.

Wir fordern einen intersektionalen Feminismus. Wenn ihr Black Lives Matter sagt, meint auch Black Trans Lives Matter, Black Women’s Lives Matter, Black Refugee’s Lives Matter, Black Queer Lives Matter.

Wir fordern inklusive Repräsentation in den Medien, in Arbeitsstellen und in gesellschaftspolitischen Debatten – wie in der Klima-Debatte, in der Bildungspolitik, im Queerfeminismus, im Gesundheitswesen und in der Asylpolitik. In der öffentlichen Meinungsbildung wollen wir eine Stimme.

Tupoka Ogette sagt:

„Ein Privileg, welches Rassismus euch – liebe weisse Verbündete – mitgegeben hat ist, die Wahl, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen. Die Wahl, nach der Zeit des offiziellen Engagements, des Gesicht zeigens, den Demos, den Hashtags, den Reposts eine Pause einzulegen. Euch auszuruhen. Ihr habt die Wahl, morgen früh aufzustehen und nicht über Rassismus nachdenken zu müssen. Euch nicht bereit machen zu müssen für die nächste Mikro- oder Makroaggression. Ja, Ihr habt die Wahl. Aber: Ihr habt ebenso eine Verantwortung. Eine Verantwortung deshalb, weil Rassismus eine weisse Erfindung ist. Nicht von euch persönlich. Aber ebenso wie wir in eine Welt geboren wurden, die uns zu Betroffenen von Rassismus gemacht hat, seid ihr in eine Welt geboren, in der ihr von Rassismus als Struktur profitiert. Und in der die Verantwortung mit in euren Händen liegt. Die Verantwortung Rassismus mit zu dekonstruieren an allen Stellen in dieser Gesellschaft – inklusive dem Verinnerlichten. Aus rassismus-kritisch Denken lernen muss rassismus-kritisch Leben werden. An diese Verantwortung appelliere ich. Trefft diese Entscheidung heute, morgen, übermorgen und die Woche, den Monat und das Jahr danach. Lasst nicht zu, dass ihr in ein kollektives Schweigen und Vergessen fällt. Bleibt wach. Bleibt laut. Bleibt in Bewegung. Denn vergesst nicht: Eure Schwarzen und BIPoC-Mitmenschen haben nicht die Wahl. Egal wie müde, ausgelaugt und erschöpft wir sein mögen.“

Nehmt uns ernst, nehmt uns wahr. Black Lives Matter hier und überall! Werdet aktiv gegen Rassimus in allen seinen Schattierungen – damit auch wir etwas mit euch zu feiern haben am Schweizer Nationalfeiertag.

Kollektiv BIPOC.WOC (auf Facebook)

siehe dazu auch das Interview mit VPOD-Vorstandsmitglied Cevincia Singleton: "Rassismus in all seinen Schattierungen"

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