«Rassismus in all seinen Schattierungen»

Cevincia Singleton ist Pflegefachfrau und Vorstandsmitglied der VPOD-Sektion Zürich Kanton. VPOD-Sekretär Roland Brunner unterhält sich online mit ihr über Rassismus – und über ihr Engagement dagegen. Das Interview wird laufend geführt, Frage und Antwort auf Facebook veröffentlicht und hier nachgetragen.

Die Ermordung des Schwarzen George Floyd im US-amerikanischen Minneapolis durch einen weissen Polizisten hat eine weltweite Bewegung ausgelöst, die unter dem Slogan «Black Lives Matter!» gegen den anhaltenden gewalttätigen Rassismus der US-Polizei angeht, aber auch die strukturelle und institutionelle Diskriminierung in der amerikanischen Gesellschaft und Politik thematisiert. Auch in der Schweiz werden endlich wieder Fragen gestellt und Antworten gefordert – auch und gerade im Gesundheitswesen, das ohne die vielen Angestellten mit Migrationshintergrund nicht funktionieren könnte.

Cevincia, wer bist du? Wie beschreibst du dich selber?

Ich heisse Cevincia und bin eine 30-jährige ledige Frau, die seit 12 Jahren im Gesundheitswesen als Pflegefachfrau arbeitet. In meiner Freizeit betreibe ich viele sportliche Aktivitäten, lese und koche gerne. Ausserdem geniesse ich den Klavierunterricht, den ich wöchentlich besuche. Meine musikalischen Wurzeln unterstützen mich als Hobby- DJ. Hier in Zürich geboren, wuchs ich mit meinen beiden jüngeren Geschwistern in der Stadt auf.

Die Erfahrungen und das Wissen, das ich im Rahmen meines Bachelor-Studiums an der Hochschule St. Gallen erworben habe, haben mich dazu bewogen, nun einen Master-Studiengang zu absolvieren. Ich habe die letzten neun Jahre am Universitätsspital Zürich in diversen Kliniken und auch in der Akutmedizin gearbeitet. So konnte ich Einblick in unterschiedliche klinische Settings sowie die interdisziplinäre Zusammenarbeit in einem Hause der Maximalversorgung erhalten.

Mein multi-ethnischer Hintergrund hat meinen Charakter sicherlich stark geprägt. Zudem bin ich bilingue (zweisprachig) erzogen worden. Freunde, Familie, Dozenten sowie Arbeitgeber haben stets meine hohe Empathie und soziale Kompetenzen erwähnt. Ausserdem wurde mir oft zugeschrieben, eine positive und kritische Denkweise zu haben.

Du heisst nicht Heidi Müller und hast keine Käse-Hautfarbe. Wie oft wirst du gefragt, woher du kommst? Und wie gehst du damit um?

Die Frage nach der Herkunft, hat sich in meinem Alltag als Smalltalk-Frage etablierten. Meist wird sie als Einstiegsfrage oder als zweite Frage gestellt – obwohl ich einen astreinen Zürcher Dialekt habe. Wir sind Menschen, der Rest ist reine, nicht relevante Deskription von Äusserlichkeiten.

Grundsätzlich kann ich schnell unterscheiden, ob die Frage unvoreingenommen und ehrlich ist, oder ob es sich um «positiven Rassismus» bzw. «Essentialisierung» handelt. Je nach Intension des Fragenden kann ich eher gut damit umgehen oder bin einfach nur ermüdet, enttäuscht und resigniere.

Ich glaube, man muss auch die Begriffe Rassismus und Vorurteile voneinander abgrenzen. Wir Menschen sind leider evolutionär so gestrickt, dass wir voll von Vorurteilen, Stereotypen-Bildern und Stigmata sind. Wer Vorurteile gegenüber bestimmten Personengruppen hat, muss nicht zwingend ein Rassist sein. Dennoch fühlen sich Rassismus-Betroffene dadurch diskriminiert, nicht ernst genommen und nicht gleichwertig behandelt.

Wo genau der Punkt liegt, an dem die Schwelle überschritten ist und Vorurteile bzgl. andersfarbigen Menschen in manifesten Rassismus übergehen, ist nicht immer ganz klar. Deshalb würde ich nicht von «dem Rassismus», sondern eher von Rassismus in allen seinen Schattierungen sprechen.

Gerade hier in der Schweiz findet im täglichen Alltag Mikrorassimsus statt – und dieser sollte überwunden werden. Die Herkunftsfrage ist nur ein kleines Beispiel davon.

Wann und wo bist du am häufigsten mit diesem Mikrorassismus konfrontiert? Geschieht dies eher im sozialen Alltag oder im Spital bei der Arbeit?

Dies geschieht sowohl im sozialen Alltag als auch bei der Arbeit. Die Facetten sind unterschiedlich. Rassismus ist Zeit, Ort und kontextgebunden. Zudem ist die Vielfalt dieses Phänomens schwierig in eine Begriffsgruppe einzuordnen. Das Konzept des klassischen Rassismus basiert vor allem auf biologischen Unterschieden. Dem steht eine neue, weiter gefasste Version basierend auf sogenannt kulturellen Differenzen gegenüber (vgl. Domenig).

Im Alltag kann es passieren, dass sich jemand im Tram von mir wegsetzt oder dass mir jemand auf dem Trottoir vor die Füsse spuckt und den Hitlergruss macht. Im sozialen Alltag werde ich oft gefragt, ob ich meine Haare überhaupt bürsten könne oder ob diese echt seien. Es geht soweit, dass fremde Menschen mir einfach so in die Haare fassen – wie wenn ich irgendein Tier wäre im Streichelzoo.

Im beruflichen Alltag ist es anders. Das Spitalwesen der Schweiz ist vermutlich eine der Institutionen, in denen es vergleichsweise wenig Rassismus gibt. In Magnetspitälern wie dem USZ besteht ein internationales Arbeitsklima und es gibt eine Mischung aus verschiedenen Kompetenzen und Hierarchien, eine gewisse Diversität. Wesentlich dabei ist, dass ein Versorgungsauftrag besteht und es diesen zu gewährleisten gilt. Es ist oberste Priorität und höchster Anspruch für das ganze Gesundheitspersonal, eine pflegebedürftige Person individuell zu betreuen und zu pflegen. Im Rahmen einer nationalen Strategie des Bundes aus dem Jahr 2000 zu Migration und Gesundheit entstanden einige gute Ansatzpunkte, wie das Label «Swiss Hospitals for Equity». Nur ist es leider so, dass spezifische Vorgehensweisen noch nicht wirklich in den Alltag der Institutionen umgesetzt wurden, wie dies z.B. bei Abläufen zu Mobbing oder sexuellen Übergriffen im Prinzip der Fall ist. Ich selbst erlebe es mehrmals im Jahr, dass sich eine Patientin oder ein Patient nicht von einer Person mit dunkler Hautfarbe waschen lassen möchte.

Alice Haster hat in «Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen» darüber geschrieben. In einem Interview spricht sie von der Stereotypisierung von Personen hinsichtlich ihrer Hautfarbe und ihrer Fähigkeiten. Menschen mit dunkler Hausfarbe werden als Entertainer oder Sportler usw. anerkannt, aber als Wissenschaftler oder so werden sie nicht wirklich ernst genommen. Ich denke, dass wir alle, um dies zu überwinden, unsere eigenen Vorurteile und Assoziationen reflektieren sollten. Wir sollten uns auch viel mehr über historische, psychologische, soziale usw. Zusammenhänge informieren. Das sollten dementsprechend Themen im Unterricht sein.

Du sagst, dass es im Spitalwesen vergleichsweise wenig Rassismus gebe. Die NZZ hat am 14. Juni einen Beitrag veröffentlicht unter dem Titel «Rassismus gehört in derSchweiz zum Pflegealltag». Ich werde dort zitiert mit der Aussage, dass das Machtgefälle und die Hierarchien im Gesundheitswesen die Mechanismen zementieren, die Rassismus und Diskriminierung ermöglichen, dass also Rassismus und geschlechtliche Diskriminierung das logische Resultat sind in einem System, das von Göttern in Weiss geleitet wird. Du siehst das nicht so?

Aus meiner Sicht kann ich dieser Aussage nur teilweise zustimmen. Ich erlebe, dass Rassismus im Gesundheitswesen verglichen zu anderen Institutionen einfach weniger Raum bekommt, insbesondere im Pflegealltag und bei der direkten Arbeit am Bett des Patienten. Ich glaube, dass es im Kern bei dieser ganzen Diskussion letztendlich um Macht und Machterhaltung geht. Diejenigen, die auf den jeweiligen Kontinenten aus geschichtlichen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen profitiert haben, möchten ihre Privilegien nicht aufgeben. Dies hat zu einer grossen Spannweite von Rassisten, Sexisten und Chauvinisten unterschiedlicher Couleur geführt. Daher ist es nicht möglich, Rassismus, Sexismus, die Opfer der Klimaveränderung und die unterschiedlichen Unterdrückungsmechanismen usw. isoliert zu betrachten. Diese aus gesellschaftlicher Demographie sowie Sozialgeschichte resultierenden Mechanismen haben aber sicherlich auch einen Einfluss auf die Strukturen bzw. das Machtgefälle und die Hierarchien im Gesundheitswesen.

In der Essenz geht es für mich aber um die Umsetzung der Menschenrechte und der Chancengleichheit sowie die Anwendung, der in den unterschiedlichen Verfassungen verankerten Rechte. Das ist es, was ich mit unserer Bewegung einfordern möchte.

Das Schweiz. Rote Kreuz SRK hat schon 2011 eine Publikation veröffentlicht unter dem Titel «Diversität fördern, rassistischer Diskriminierung vorbeugen. Wegleitung für Führungspersonen und Mitarbeitende in Institutionen der Gesundheitsversorgung». Rassismus wird hier meiner Meinung nach auf ein zwischenmenschliches Problem reduziert, dem mit Weiterbildungen, Sensibili­sierungsmodulen und Coachings beizukommen sei. Also doch kein systemisches Problem im Gesundheitswesen? Blinder Fleck, politische Abstinenz oder einfach Verkaufsförderung für die SRK-Kurse?

Ich glaube tatsächlich, dass man dem Problem mit Sensibilisierungskampagnen in einem weiten Sinn begegnen muss - also mit guten Weiterbildungen, Workshops, Reflexionsgefässen usw. In Public Health-Themen bestehet grosser Forschungsbedarf in den Bereichen Migration, Gesundheit und Frauen. Hier zeigen sich signifikante Unterschiede, und somit auch ein grosses gesundheitliches Ungleichgewicht bei den Geschlechtern. Über die Qualität dieser Weiterbildungen an den Institutionen kann man dann streiten. Wer ist daran beteiligt, welche Personen leiten diese Weiterbildungen und wie sind welche Inhalte abgedeckt usw? Klar ist, dass Führungspersonen auf der Verhaltensebene im Gesundheitswesen gegen Rassismus und Diskriminierung am Arbeitsplatz einstehen müssen ­– also eine Nulltoleranz-Haltung gegenüber rassistischer Diskriminierung lehren und leben.

Letztendlich muss sich bei dieser Thematik jede/r an der eigenen Nase nehmen und überlegen, inwiefern sich die eigenen Vorurteile in der eigenen Funktion und Hierarchie-Position wiederspiegeln und was er/sie konkret im beruflichen Kontext (aber auch im privaten) ändern kann. Insofern kann Rassismus tatsächlich (auch) ein zwischenmenschliches Problem sein.

Auf der anderen Seite kann man als Verband deutlich Position gegen Diskriminierung beziehen und dies gegen aussen kommunizieren. Das wäre dann auf der gesellschafts-politischen Ebene angesiedelt. Ob und wie das SRK das macht, kann ich nicht beurteilen. Institutionen können sich auf Ebene der Geschäftsführung für Chancengleichheit engagieren. Sie können eine klare Vorgehensweise erarbeiten, wie mit Betroffenen umzugehen ist, wenn sie von Rassismus betroffenen sind. Es gibt beispielsweise eine klare Kommunikation von Sanktionen bei sexuellen Übergriffen. Dies wäre auch für rassistische Diskriminierung in Gesundheitsinstitutionen wünschenswert und notwendig.

Ich sehe ausserdem grossen Handlungsbedarf bei Migrant*innen, die gesundheitlich schlechter gestellt sind als die restliche Bevölkerung. Sie sind konfrontiert mit Zugangsbarrieren im Gesundheitsversorgungssystem. Schulungsbedarf sehe ich auch bei der Betreuung und Versorgung von Migrant*innen. Dort sollen SRK und andere Institutionen ihre Interventionen ansetzen.

Und in der Schweiz allgemein? Die Schweiz stellt sich ja immer als Hort der Menschenrechte dar, als Sitz der Uno, als Land ohne koloniale Vergangenheit… Wo siehst du die zentralen Punkte rassistischer Politik in der Schweiz?

Wichtig für diesen Diskurs finde ich, dass man Diskriminierungsmechanismen im jeweiligen Kontext benennt. In der Schweiz und in Europa generell ist der Diskurs ein anderer als in den USA oder in Ländern wie Brasilien. Dennoch versteckt sich die Schweiz hinter einem Deckmantel der Neutralität. Fokus der Schweizer Politik sollte vor allem sein, bei Betroffenen auf allen Ebenen und in allen Bereichen der Gesellschaft eine Sensibilisierung zu erzielen über rassistische Diskriminierung. Bildung, Soziales und das Erziehungswesen müssen antirassistisch sein. Nur so kann Rassismus verhindert werden.

«Schweizer Waffen, Schweizer Geld, morden mit in aller Welt», so lautet ein alter Slogan an linken, internationalistischen Kundgebungen. Wären Wohlstand und Demokratie in der Schweiz überhaupt vorstellbar ohne die Fluchtgelder auf Schweizer Banken und die Ausbeutung der Südländer durch Schweizer Konzerne? Sind wir damit also alle Rassismus-Profiteure?

Man muss den Begriff "Rassismus" vorsichtig verwenden. Darüber haben wir ja schon gesprochen. Zwischen echtem Rassismus und Vorurteilen besteht ein qualitativer Unterschied. Natürlich gibt es irgendwo eine Grenze, an der Vorurteile in Rassismus kippen. Bei allem und jedem unterschwelligen Rassismus anzunehmen, finde ich aber schwierig. Auch die Kategorie «Weisse» hat letztlich irgendwie Angst, ihre Privilegien zu verlieren. Ist es nicht für alle beängstigend, dass die eigenen Kinder als Verlierer dastehen könnten, wenn alle anderen die gleichen Rechte und Chancen hätten? Vor diesem Problem stehen auch Leute, die vermeintlich tolerant sind.

Wenn es um die eigenen Interessen geht, ist es häufig vorbei mit echter Toleranz. Deshalb müsste man Gesellschaften so organisieren, dass Bewerbungsunterlagen ohne Foto und Name geprüft werden, dass Kinder dafür kompensiert werden, wenn ihre Eltern nicht die Möglichkeit haben, sie schulisch zu unterstützen, dass ganz generell Faktoren minimiert werden, die den Einfluss von Vorurteilen zulassen und Ungerechtigkeit erst ermöglichen. Wir müssen die absurden Kategorien der Ausgrenzung und Abwertung überwinden und uns erst gar nicht darauf einlassen. Und wir sollten uns unserer Privilegien bewusstwerden und bereit sein, zumindest einen Teil davon abzugeben.

Als mit George Floyd in Minneapolis ein weiterer Schwarzer bei der Festnahme von einem weissen Polizisten umgebracht wurde – im Beisein anderer Polizisten, ging ein Aufschrei durch die USA und durch die ganze Welt. Wie hast du reagiert?

Einerseits wirkte dieses Ereignis wie eine Endlosschlaufe von etwas, das sich in der Gesellschaft und der Geschichte in ähnlicher Form immer und immer wiederholt hat, und deshalb überraschte es mich nicht wirklich. Andererseits wurde mir ziemlich rasch klar, dass wir in einem neuen Zeitgeist leben und dass eine enorme Anzahl von Menschen weltweit eine Bewegung gebildet haben, die nicht irgendeine ist. Diese Bewegung widerspiegelt den Unmut, die Wut und die Trauer über strukturelle Gewalt und Rassismus, die den staatlichen bzw. gesellschaftlichen Strukturen innewohnen und gegenüber Diskriminierung in den diversen gesellschaftlichen Bereichen. Im Weiteren glaube ich, dass die COVID-19 Pandemie ein Einflussfaktor war, der ebenfalls zu diesen weltweiten Demonstrationen beigetragen hat.

Du engagierst dich im Zürcher BIPOC.WOC-Kollektiv (siehe Anmerkung 1). Kannst du uns etwas darüber erzählen? Wer ist das und was macht ihr?

Das Kollektiv besteht aus Menschen, welche alle die gleichen Erfahrungen teilen – nämlich im Alltag mit Rassismus in all seinen Schattierungen konfrontiert zu sein. Wir teilen einen gleichen oder ähnlichen kulturellen Hintergrund, haben gemeinsame oder unterschiedliche Interessen und sind einzelne, sehr engagierte Personen. Aufgrund dieser gemeinsamen Erfahrungen hinsichtlich Diskriminierung und Rassismus im eigenen Lebensbereich und Alltag haben wir uns dazu entschlossen, aktiv zu werden und ein Zeichen zu setzten. Wir sind in den Anfängen und müssen uns als Kollektiv selber zuerst finden. Zudem müssen wir unsere Bedürfnisse kommunizieren und einen Fokus setzen, denn allen Beteiligten des Kollektivs ist klar: Wenn wir unseren Platz nicht selbst einfordern, wird er uns nicht gegeben, und wir werden nicht wahrgenommen.

Das Kollektiv ist dynamisch und nicht fest umrissen. Wir sind Schwestern, Brüder, Väter und Mütter und grenzen niemanden aus. Ausserdem wollen wir auch nicht den weissen Feminismus duplizieren. Wir versuchen, ausserhalb heteronormativer Grenzen zu denken. Diese Bewegung ist nicht die erste dieser Art, denn es gab bereits etliche Kämpfe gegen Rassismus. Vor dem Hintergrund eines neu erwachenden gesellschaftlichen Bewusstseins erhalten wir jedoch nun endlich auch eine Stimme und möchten aktiv werden und Aufklärung leisten in Bezug auf die unterschiedlichen Unterdrückungsmechanismen, die tagtäglich auf der sozialen Ebene und in diversen Bereichen stattfinden. Ebenfalls wollen wir als Verein hinsichtlich sozialgeschichtlicher Aspekte Aufklärung leisten und Bewusstsein schaffen – zum Beispiel bezüglich der Rolle der Schweiz in der Apartheid und im Sklavenhandel.

Die Mitglieder des Kollektivs widmen sich Kreativem, engagieren sich für Bildung und Soziales sowie in Asylpolitik & Migration, dies sowohl national als auch international (z.B. im Sudan). Wir möchten klar Stellung beziehen gegen neoliberale, rassistische und kapitalistische Strukturen und haben gleichzeitig das Anliegen, in der weiss dominierten feministischen Bewegung der Schweiz eine Stimme zu erhalten. Wir stehen für intersektionelle Politik und es ist für uns zentral, Wissensvermittlung zu betreiben, um ein neues Bewusstsein zu schaffen und dadurch überholte, festgefahrene Strukturen aufzubrechen sowie Diskriminierung entgegenzuwirken, so dass Menschen in dieser Gesellschaft einen würdevollen Umgang erfahren. Es ist nicht unsere Absicht, Schwarze und Weisse zu spalten oder eine Kluft zwischen ihnen zu schaffen. Wir wollen aufzeigen, dass wir für eine gemeinsame und gerechte Zukunft kämpfen, in der die Würde jedes Menschen respektiert wird, unabhängig von Hautfarbe, sexueller Orientierung, gesellschaftlichem Status, Herkunft usw.

Wie macht ihr das als Kollektiv konkret? Was läuft aktuell?

Wir haben letzten Samstag als Netzwerk Exit Racism Now! gleichzeitig um 14 Uhr in 7 verschiedenen Städten der Schweiz Protestaktionen durchgeführt, um dem Rassismus und der damit einhergehenden Ignoranz in diesem Land ein Ende zu machen. Schwarze, BiPoc und weisse Menschen sind in kleinen Gruppen von 10-70 als auch in grösseren Gruppierungen von bis zu 300 Personen in Aarau, Basel, Luzern, Lausanne, Genf, Winterthur und Zürich zusammengekommen, um mit einer Flashmobb-Performance ein friedliches Zeichen gegen Rassismus zu setzen und ihre politischen Forderungen in der Gesellschaft zu platzieren. In den Händen und auf den T-Shirts haben wir die Namen von den in den letzten Jahren durch Polizeigewalt in der Schweiz und im Ausland umgekommenen Menschen getragen und während 8:46 Minuten sind wir zusammen nebeneinander auf dem Boden gelegen, um der Verstorbenen und all der Menschen zu gedenken, die tagtäglich Rassismus erleiden. Diese 8:46 Minuten am Boden zu liegen – solange wurde George Floyd auf den Boden gedrückt, bis er erstickte -, war sehr emotional. Es wurde allen bewusst, wie lange und grausam dieser Mord ist. Uns allen kamen die Bilder von selbst erlebtem Rassismus wieder hoch!

Mit der «Black Lives Matter»-Debatte sind Gespräche ins Rollen gekommen. Aber das ist nicht genug! Wir wollen gemeinsam einen Schritt weitergehen. Klare Forderungen an Politik, Wirtschaft und Bildung stellen, um dem institutionellen Rassismus ein Ende zu setzen. Nur so können wir, unsere Kinder und Enkelkinder in Zukunft in einer diskriminierungsfreien Gesellschaft leben. Auf der Webseite von Exit Racism Now! sind die Aktionen dokumentiert. Und dort stehen auch unsere Forderungen.

Ihr habt euch als Kollektiv mit kritischen Stellungnahmen zur Ausstellung «Black Art Matters» geäussert. Worum geht es euch da?

Leider kommt diese Ausstellung erst jetzt, als sich vor dem Hintergrund des Todes von George Floyds eine gesellschaftliche Tragödie abspielt. Viele Galerien, Ausstellungen und Kuratoren haben während der letzten Jahre Kunst von Dunkelhäutigen gezeigt und gefördert. Aber häufig war und ist eine Diskrepanz erkennbar wie jetzt bei der ‘Black Art Matters’-Ausstellung und der dahinterstehenden Blofeld AG. Klar wird das Künstlerische geschätzt und anerkannt – nach der Devise besser spät als nie –, aber es hat doch auch eine heuchlerische Note. Blofeld reproduziert diesen kontraproduktiven eurozentrischen Blick, unter dem Geschäftsabläufe, Strategien, Vorgehen und Projekte betrieben werden. Das beinhaltet eine ‘Cultural Appropriation’, eine kulturelle Aneignung für den eigenen Marktwertes in der Schweiz.

Problematisch ist auch, dass sie zwar diese Ausstellung ermöglichen, aber gleichzeitig damit auch ‘Ownership’, also eine Art Besitz- und Verfügungsrechte damit beanspruchen. Die Frage ist, ob hier das Eigeninteresse der Veranstalter oder das Interesse der Künstler*innen im Vordergrund stehen. Im Kunstbereich sollten im Idealfall keine ausschliessenden Dynamiken bestehen und Kultur sollte nicht auf Gewinn ausgerichtet sein. Das scheint in unserer resultatorientierten Gesellschaft utopisch, würde aber durchaus zu Chancengleichheit sowie der Bekämpfung von Diskriminierung auf allen Ebenen beitragen.

Niemand sollte sich an der Kultur von Menschen bereichern, auf welche Art auch immer. Genau an dieser Schnittstelle findet die subtile Diskriminierung und Ausbeutung statt, die nicht immer gleich erkennbar ist. Kulturschaffende müssen massgeblich in die Darstellung ihrer Kulturarbeit einbezogen sein und nicht einfach als Darstellungsobjekte dienen. Das gilt auch und ganz besonders für die Darstellung der Kultur diskriminierter Bevölkerungsteile.

Auch gegenüber der Organisation der Pride Zürichhabt ihr euch kritisch vernehmen lassen.

Wir haben die ‘Zurich Pride’ aufgefordert, Position zu beziehen zu der QTIBPOC (Queer Trans Intersex Black People & People of Color) Community. Und wir wollen wissen, weshalb sie sich nicht zur Blacktranslifematter und zur BLM-Bewegung geäussert hat, obwohl ja gerade der Verein Zurich Pride die Akzeptanz und Gleichstellung der LGBTIQ-Lebensweise in unserer Gesellschaft fördert und sich gegen Diskriminierung stellt.

Alle Pride Organisation weltweit (New York, Toronto usw.) haben das ‘Global Pride’-Programm der BLM-Bewegung gewidmet und ihre Aktivitäten darauf ausgerichtet. Von der Zürich Pride kam zu diesem Zeitpunkt nichts. Dabei entstand die Pride-Bewegung aus dem Protest der Stonewall Riots 1969. Diese breite Protestwelle erkämpfte mehr Gerechtigkeit für die ganze LGBTQ-Community – unabhängig von Herkunft und Hautfarbe. Führende Figuren dieser Bewegung waren die zwei Transgender-Frauen Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera, die eine schwarz, die andere Latina. Micah Bazant brachte die Bewegung auf den Punkt: “No pride for some of us without liberation for all of us!”

Die Organisator*innen der Zurich Pride sollten ihr Programm überdenken und sich fragen, weshalb sie sich nicht mit den jetzigen Protesten gegen Rassismus in all seinen Schattierungen solidarisieren und weshalb sie nicht wie damals die Ursprünge der Bewegung Gerechtigkeit für alle fordern. Unsere Kritik an der Zurich Pride ist ein Appell, zu diesen Wurzeln zurückzukehren und Farbe zu bekennen gegen Hass und Diskriminierung. Wir wollen mehr Engagement sehen für alle QTIBIPOC und nicht einfach nur ein farbenfrohes Fest.

Du bist auch im Vorstand der VPOD Sektion Zürich Kanton. Was kann die Gewerkschaft hier beitragen und was erwartest du von ihr?

Der VPOD setzt sich schon seit längerem gegen eine neoliberale politische Agenda ein. Seit den 90er Jahren kämpft die Gewerkschaft gegen Liberalisierung, Privatisierung und Outsourcing von öffentlichen Dienstleistungen. So schützt sie die Arbeitnehmenden gegen Ausbeutung und Diskriminierung in der Arbeitswelt.

Eine Gewerkschaft kann etwas dazu beitragen, die Bewegung (Antirassismus bzw. Black Lives Matter) zu integrieren und aufzubauen. Zudem braucht es ideelle Unterstützung bzgl. des Grundanliegens und der Forderungen. Der VPOD soll sich auf die multikulturelle und pluralistische Gesellschaft einstellen können. Die unterschiedlichen Sichtweisen in unserer Gesellschaft sollten in der Gewerkschaft zum Ausdruck gebracht werden können. Ich bin seit 2018 Mitglied des Vorstands der VPOD Sektion Zürich Kanton. Dies spricht dafür, dass die VPOD Gewerkschaft sich unter anderem für Diversität einsetzt.

Auch in der feministischen Bewegung und für ihre Anliegen (bspw. Lohngleichheit) ist der VPOD seit den 60er und 70er Jahren engagiert. Der Frauenstreik 1991 und 2019 ist zu einem wichtigen Teil auf die Initiative des VPOD zurückzuführen.

Die Erfahrungen und das Wissen einer so engagierten und kämpferischen Organisation kann für die BLM-Bewegung und die nächste Generation eine wertvolle Unterstützung im Kampf gegen Rassismus, Sexismus und Diskriminierung sein. Wir kämpfen alle für das gleiche: eine gerechtere Welt. Die Gewerkschaft setzt sich nun schon seit über 100 Jahren für Gerechtigkeit und gegen Diskriminierung ein. Sie bietet damit den Boden für eine nationale und internationale Vernetzung, damit ein lebhafter Diskurs stattfinden kann.

*Siehe auch das Interview «Ein Rahmen, um sich auszutauschen» mit Cevincia Singleton. Erschienen in: Zukunft mit Geschichte(n). 100 Jahre VPOD Sektion Zürich Kanton. Zürich 2018.

Anmerkungen:

1) BIPOC.WOC steht für Black, Indigenous and People of Color - Women of Color. Hintergrund dazu z.B. in diesem Artikel der New York Times oder auf der Webseite des BIPOC Projects.
Das BIPOC-Kollektiv Zürich unterhält einen Linktree mit weiterführenden Informationen. Zudem gibt es die Facebook-Seite Bipoc.woc Kollektiv Zürich. Weitere Facebook-Seiten zur Vernetzung sind das Netzwerk Black She Bla.sh und ROTA - Migrantische Selbstorganisation oder die Webseiten antira.org , exit-racism-now.ch und Verein Diversum


Lesehinweise:

  • Rassismus gehört in der Schweiz zum Pflegealltag. Artikel von Laurina Waltersperger in der NZZ am Sonntag, 14.6.2020. online
  • Diversität fördern, rassistischer Diskriminierung vorbeuten. Wegleitung für Führungspersonen und Mitarbeitende in Institutionen der Gesundheitsversorgung. SRK 2011. Online (PDF)
  • Rassismuserfahrungen dunkelhäutiger Pflegefachpersonen, National Center of Competence in Research – The Migration-Mobility Nexus. online
  • Käppeli, Silvia. Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann? Fremde Gefühle bei der Pflege kulturfremder Patienten. In: Zeitschrift für medizinische Ethik, Nr. 46/2000. Stark gekürzt in: TANGRAM 16, Gesundheit, 2004, S. 68-75.
  • TANGRAM. Publikation der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus EKR. Gratis zu beziehen/abonnieren online
  • TANGRAM 16: Gesundheit (2004). Online (download ganzes Heft als PDF). Darin:
    • Bischoff, Alexander. Ausgeschlossen durch die fremde Sprache? S. 63-67
    • Domenig, Dagmar. Rassistisch, diskriminierend oder transkulturell inkompetent? S. 51-56
    • Käppeli, Silvia. Fremde Gefühle in der Pflege, S. 68-75
    • Kilcher, Anne. Rassismus gefährdet die Gesundheit, S. 25-29
    • Leutenegger, Martin. «Sie sind nicht so wie die anderen!» (Interview mit Spitalangestellten afrikanischer Herkunft), S. 86-91
    • Naguib, Tarek. Gesundheit – ein Menschenrecht, S. 35-49
    • Pok Lundquist, Judith. Kein guter Nährboden für Rassismus, S. 76-79
    • Schiltknecht, Hanna. Gast und Gastgeber aus unterschiedlichen Kulturen (Spitex), S. 81-85.
    • Shaha, Maya. Rassismus im Spital, S. 57-61.
  • TANGRAM 29: Berufswelt (Juni 2012). Darin insbesondere:
    • Bürgisser, Thomas. «Es braucht einen langen Atem und ein bisschen Glück». Interview mit Nadia Di Bernardo Leimgruber, S. 51-55
    • Schilliger, Sarah. «Polinnen sind günstig und fürsorglich». Ethnische und geschlechtliche Segregation des Arbeitsmarktes für 24h-Betreuung, S. 68-71
  • Black Lives Matter. Informationen auf Wikipedia
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