No more heroes!

Von: Roland Brunner, VPOD Sekretär Sektion ZH Kanton

Gesundheitspersonal, vor allem Pflegefachleute auf den Intensiv- und Covid-Stationen, wurden mit Applaus bedacht und gefeiert als Held*innen. Sind sie das? Und wollen sie das überhaupt?

Von den «Heldinnen der Corona-Krise» schreiben die Medien, wenn Pflegefachkräfte unter unglaublichem Druck - bei anfangs oft fehlendem Schutzmaterial und bei anhaltend eklatantem Personalmangel - den Pandemiewellen trotzen und sich Dienst für Dienst bis zur Erschöpfung um die Kranken kümmern. Aber ausser Applaus gibt es bisher wenig für diese Held*innen. Vielleicht gerade deshalb, weil sie ja Held*innen sind?

Das Internationale Magazin für Pflegestudien* hat eine Analyse veröffentlicht, die genau dies nahelegt. Die Autor*innen zeigen auf, wie der Held*innen-Diskurs das Gesundheitspersonal erneut entmündigt. Für Held*innen ist es ja normal, dass sie sich aussergewöhnlichen Gefahren heldenhaft stellen, dass sie nicht auf Hilfe und Unterstützung zählen können, dass sie auch keinen Lohn dafür erhalten oder überhaupt schon Forderungen stellen. Held*innen sind Übermenschen, die nicht krank werden, nicht ermüden oder erschöpft sind, die immer an vorderster Front - wie die Soldaten im Krieg - zum Wohl der Nation kämpfen und selbstverständlich auch siegen. Held*innen sind nicht Menschen, sondern Märtyrer, die Opfer erbringen für das Gemeinwohl.

Auch wenn es Angestellte im Gesundheitswesen gibt, die diesen Heldenstatus kurz genossen haben (weil sie endlich einmal die Aufmerksamkeit und Wertschätzung erhalten haben, die ihnen sonst immer verweigert wird), entmündigt dieser Heldendiskurs die Angestellten einmal mehr. Monja Schünemann, eine deutsche Pflegefachfrau, die lange in der Pflege gearbeitet und ihren Beruf vor neun Jahren verlassen hat, sagt es so:

«Pflegefachleute wollen keine Helden sein. Helden handeln bewusst heldenhaft. Aber Pflegende werden doch in diese Situation hineingetrieben.»**

Halten wir es also besser mit Tina Turner («We Don't Need Another Hero») oder den Stranglers («No More Heroes»). Was es im Gesundheitswesen vor allem braucht, sind nicht Held*innen, sondern genügend Personal und gute Arbeitsbedingungen. Angestellte im Gesundheitswesen wollen und sollen nicht als Held*innen gefeiert, sondern als hoch qualifizierte Fachkräfte ernstgenommen und mit guten Rahmenbedingungen unterstützt werden. Nur so können wir dafür sorgen, dass es auch morgen noch Menschen gibt, die im Gesundheitswesen arbeiten und unsere Gesundheitsversorgung sicherstellen.

Menschen wählen das Gesundheitswesen, weil sie mit und für Menschen arbeiten wollen. Es sind meist Menschen, die nicht vom schnellen Geld getrieben sind, sondern die eine Arbeit mit Sinn suchen. Aber auch sie brauchen Geld zum Leben und haben Anrecht auf ein anständiges Leben. Sie sind keine Held*innen, sondern viele sind müde, erschöpft, frustriert darüber, dass sie ihre Arbeit nicht machen können, wie sie es gelernt haben, dass sie mehr am Computer sitzen und die Bürokratie bedienen müssen statt am Bett und für die Menschen dazusein. Viele haben resigniert, reduzieren auf Teilzeitstellen oder verlassen den Beruf ganz. Je mehr gehen, umso weniger bleiben und um so schlimmer wird es für die Verbliebenen. Das hindert im Moment noch viele zu gehen. Sie wollen ihre Kolleg*innen in der jetzigen Krise nicht im Stich lassen. Aber wie lange halten sie noch durch?

Wir müssen den Pflexit stoppen statt ihn mit Heldengerede anzuheizen. Statt sich mit Applaus vom Balkon aus der Verantwortung zu stehlen, muss die Politik endlich die Bedürfnisse und Anliegen der Angestellten im Gesundheitswesen ernst nehmen und die Anstellungs- und Arbeitsbedingungen so verbessern, dass auch normale Menschen die Arbeit leisten können.

Der VPOD als Gesundheitsgewerkschaft dankt allen Angestellten im Gesundheitswesen für die Arbeit, die sie Dienst für Dienst leisten. Eure Forderungen haben wir gehört und immer wieder in die Politik eingebracht. Und wir versprechen: Wir setzen uns auch weiterhin ein für und mit euch.

Der Open Space zum Tag der Pflege

Der 12. Mai ist der Geburtstag von Florence Nightingale, der Begründerin moderner Krankenpflege. Ihr zu Ehren ist der 12. Mai seit 1974 auch der offizielle internationale Tag der Pflege. Weltweit finden an diesem Tag deshalb Kundgebungen statt.

In Zürich ist die Teilnahme am «Walk of Care» wegen Covid-19 aber auf 100 Leute beschränkt und nur für Angemeldete möglich. Der VPOD ZH organisiert deshalb einen Open Space zum Tag der Pflege, der es dir und allen Angestellten im Gesundheitswesen ermöglicht, dich einzubringen und auszutauschen. Ohne Traktanden, ohne Reden, einfach als Plattform für alle zum Vorbeischauen und Dabeisein. Ein Stammtisch des Gesundheitspersonals mit Direktschaltungen zur Kundgebung in der Stadt und Interviews mit Teilnehmenden und Rednerinnen.
Bring dich und deine Fragen und Sorgen ein. Von Arbeitsbedingungen bis Zwangsimpfungen, über Personalmangel und Umkleidezeit, Stress oder Schichtbetrieb - jedes Thema zählt und ist wichtig, denn Du bist wichtig. Wir alle sind wichtig und inzwischen weiss die ganze Gesellschaft, wie «systemrelevant» die Gesundheitsversorgung ist. Aber das Gesundheitswesen ist krank und die Politik ignoriert das immer noch. Deshalb müssen wir auch für uns selbst sorgen, damit wir uns um andere kümmern können.
Wie verbessern wir die Situation im Gesundheitswesen? Was kann der VPOD dazu beitragen? Was kann jede und jeder selbst dafür tun? Welche Ideen hast du?
Pflegen wir uns auch selbst am Tag der Pflege. Der Open Space ist deine Plattform dazu. Schau vorbei.

Hier geht es am 12. Mai ab 16 Uhr zum Open Space Tag der Pflege


* The "nurse as hero” discourse in the COVID-19 pandemic: A poststructural discourse analysis. International Journal of Nursing Studies, Volume 117, May 2021
** in: «Der wahre Grund, warum Pflegekräfte aufgeben» von Silke Jäger im Krautreporter.

Diese News als PDF