Wie weiter im Gesundheitswesen?

Von: Roland Brunner, Sekretär VPOD Sektion ZH Kanton

Trotz teilweise massiven Protesten und politischen Vorstössen hat sich bisher die Situation der Angestellten im Gesundheitswesen nicht verbessert. Der VPOD ZH fragt nun, wie es weitergehen soll.

Das Gesundheitswesen ist krank und auch wir werden es immer mehr. Viele von uns sind ausgebrannt, haben keine Kraft mehr, resignieren und kündigen. Mit der Pandemie wurde offensichtlich, was uns schon lange beschäftigt: Personalmangel und Zeitnot, Hetze und Bürokratie, Überlastung und Burn-out. Wir wissen es und wehren uns. Auch die Öffentlichkeit hat wahrgenommen, wie „system“- oder besser lebensrelevant wir sind. Aber ausser Applaus und ein paar kleinen Geschenken gab es bisher nichts. Die Politik weigert sich weiterhin, unsere Forderungen anzuhören und zu handeln. Trotz Briefen an die Gesundheitsdirektion und Kundgebungen, Initiativen und Anfragen im Kantonsrat… Es geht nicht vorwärts. Was tun?

Wir erhalten Hilferufe von Angestellten im Gesundheitswesen, die einfach nicht mehr können (siehe unten). Viele reduzieren ihre Stellenprozente, um zu überleben. Andere verlassen ihren Beruf gleich ganz, um sich selbst zu schützen. Denn wir können nur für andere sorgen, wenn wir auch für uns selbst sorgen. Ein krankes Gesundheitswesen kann nicht funktionieren und macht alle kaputt. Aber ist der individuelle Ausweg eine Lösung? Damit bleiben noch weniger von uns, die alle Aufgaben stemmen müssen – bis auch wir zerbrechen und nicht mehr können. Wie also kommen wir weiter? Haben wir die Kraft, neben dem täglichen Dienst auch noch für bessere Arbeits- und Anstellungsbedingungen, für genügend qualifiziertes Personal und unsere Anliegen zu kämpfen? Und wie kämpfen wir? Wie kommen wir vorwärts? Und wie weit gehen wir?

Um das weitere Vorgehen zu bestimmen, macht der VPOD eine Befragung, zu der nicht nur die Mitglieder, sondern alle Angestellten im Gesundheitswesen des Kantons Zürich eingeladen sind. Denn gemeinsam bestimmen wir darüber, welchen Weg wir gemeinsam einschlagen. Mach mit und nimm teil – damit wir gemeinsam vorwärtskommen. Und leite die Info an deine Arbeitskolleg*innen weiter, damit auch sie teilnehmen.

Zur Befragung: Wie weiter im Gesundheitswesen

Hintergrundinformationen zu Streiks im Gesundheitswesen - auch im Kanton Zürich


Ein Hilferuf aus der Pflege

Kein Personal, Überstunden, Tendenzen von Kraftlosigkeit und in meinem Alltag keine Energie mehr für etwas anderes übrig zu haben, weil in meinen Schichten die Energie verloren geht. Wo tanke ich auf, wie komme ich aus dem Adrenalin-Schub wieder raus?
Ich bin mit 48 Jahren seit 2000 im IPS-Dienst und spiele mit dem Gedanken, meine Kündigung in der Pflege auf den Tisch zu legen. Bei der Pandemie bin ich von Anfang an dabei. Ich arbeite bei der Koordination der Intensivbetten und im Schockraum, und mir geht die Puste aus. Meine Geduld schlägt mitunter in Unverständnis und sogar Ärger um, weil alles was bisher gemacht wurde sich anfühlt wie „ein Tropfen auf den heissen Stein!“ Es passiert einfach nichts. Da wird sogar noch diskutiert, ob weitere Intensivbetten geöffnet werden sollen, aber mit welchem Personal???
Ehrlich gesagt demotiviert mich dies alles, weil ich nur bedingte Resultate und Erfolge sehe. Die Resonanz seitens des Bundes oder der Gesundheitsdirektion ist nicht nur schwach, sondern auch unzufriedenstellend. Die angesprochenen Missstände sind nicht nur erwähnenswert, sondern vor allem machen sie mich als Intensiv-Pflegefachkraft ohnmächtig. Da hilft auch kein Corona Bonus.
Ich frage mich langsam, warum so sachte und meiner Meinung nach zurückhaltend agiert wird? Wieso kann die Gewerkschaft nicht einfach zu einer großen Streikaktion aufrufen, im Sinne einer Arbeitsniederlegung? Notbesetzung, und sich ruhig ein wenig mehr sich trauen. In kleinen Gruppen durch die Städte ziehen, sollte möglich sein. Beim Marsch vom USZ zur Gesundheitsdirektion letzten Herbst sind wir still hinuntergelaufen. Ich fand die Aktion mega und würde mir davon in vielen kleinen Gruppen mehr versprechen, als Flagge zeigen.
Wenn alles reden nichts hilft, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit fehlen und man so tut, als sei es selbstverständlich, dass wir da sind, dann frage ich mich langsam, wieso ist das so? Und was können wir tun, um klarzumachen, dass es so nicht weitergeht? Ich auf jeden Fall kann so nicht weitermachen!
Ehrlich gesagt würde ich mir wünschen, dass die Zeit des Redens vorbei sein sollte - und wir andere Methoden anwenden. Da „wo es wehtut an der Präsenz der Pflege“ sollte begonnen werden. Ich habe mit vielen Kolleg*innen darüber geredet und sie sehen das so wie ich. Arbeit niederlegen und ein deutliches Zeichen setzen. Bei uns im Team wären 50% bereit dazu, auf sich aufmerksam zu machen und laut und deutlich STOPP! zu sagen.
Ich merke, wie die Ohnmacht in Gleichgültigkeit umschlägt und ich schlimmstenfalls einfach das Handtuch schmeissen und gehen werde. Wenn nichts geschieht, mache ich das auch in den nächsten drei Monaten und dann denke ich: „Nach mir eben die Sintflut“. Sollen sie halt schauen mit ihrer geldgetriebenen Wirtschaftsunlogik, wie sie das Gesundheitswesen wieder hinbiegen.
Das ist keine Lösung.... das weiss ich. Aber ich fange an, mich selbst zu schützen, wenn mein Arbeitgeber seine Fürsorgepflicht nicht wahrnimmt. Ich habe damals ein Sprichwort von einer älteren Nonne gehört. Sie sagte: „Wer sich selbst nicht pflegt, ist nicht in der Lage, andere zu pflegen!“
Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, aus der Opferrolle zu schlüpfen und die Eierschalen hinter sich zu lassen. Ich habe keinen Bock mehr, Opfer zu sein. Es ist Zeit aufzustehen und zu Handeln. Wir müssen sichtbar werden, statt unsichtbar sein. JETZT!

Herzliche Grüsse,
Jens von der Lohe

Diese News als PDF