Der ganz normale Wahnsinn?

Von: Roland Brunner, VPOD-Sekretär Sektion ZH Kanton

Das Universitätsspital Zürich USZ ist eine Grossbaustelle. Aber nicht nur die baulichen Massnahmen belasten das Personal, auch sonst herrscht an einigen Orten Abbruchstimmung. Eine Kollegin berichtet davon, wie eine USZ-Station und die Pflegefachleute zerstört werden.*

Ich arbeitete seit vielen Jahren am Universitätsspital Zürich. Wir waren über Jahre ein stabiles Team. Aber in den letzten Monaten haben 18 von 25 Mitarbeitenden gekündigt oder wurden freigestellt.

Es begann damit, dass unsere Station im Oktober 2021 einer anderen Klinik angehängt wurde. Vor dem Oktober 2021 haben drei Personen gekündigt, weil sie den Klinikwechsel nicht mitmachen wollten. Über sechs Wochen waren wir sechs Leute zu wenig auf der Station. Wir haben Menschen unwürdig gepflegt, um die Patientensicherheit überhaupt noch gewährleisten zu können. Mein Vorgesetzter suchte täglich das Gespräch zu seinen Vorgesetzten und wies auf die Probleme hin. Es änderte sich aber nichts. Wir bekamen kaum Unterstützung von anderen Stationen. Eine Notfallteamsitzung wurde einberufen und Lösungen vorgeschlagen, aber von der Bereichsleitung und ihrer Stellvertretung kam nichts. Im Gegenteil: Unserem Vorgesetzten wurde vorgeworfen, er habe „Organisationsprobleme“.

Seine Auflistung an Problemen und Lösungsvorschlägen:

  • Zu wenig Mitarbeitende für die aktuelle Patientenklientel
  • Er wollte temporäre Mitarbeitende anstellen, was ihm aber verwehrt wurde
  • Auch eine Patientenverlegungen zur Entschärfung der Situation wurde ihm unterbunden
  • Patientenbettensperre wurde ihm ebenfalls verboten

Ende November 2021 beruhigte sich die Lage und wir hatten wieder eine normale Arbeitsbelastung. Dazu kam es, weil die aufwändigen Patient:innen einfach in die Reha verlegt wurden. Sonst gab es für diese sehr aufwändige Zeit keinerlei Unterstützung.

In dieser strengen Zeit hat eine Angestellte gekündigt, weil sie vom Chirurgen angeschrien wurde wegen etwas Belanglosem. Dieser Arzt ist weiterhin tätig und verhält sich menschlich nicht korrekt. Unsere aktuelle Stationsleitung ist deswegen seit einem halben Jahr mit dem Klinikdirektor im Austausch, um eine Verbesserung der Zusammenarbeit zu erreichen. Aber bisher wird alles mehr schöngeredet, als dass konkret etwas geschieht.

Anfangs Dezember 2021 wurde unser Stationsleiter – mein Vorgesetzter, der seit 20 Jahren im USZ auf verschiedenen Positionen tätig war – von der Bereichsleitung informiert, dass er ab dem folgenden Tag freigestellt sei – aufgrund unterschiedlicher Ansichten des Führungsstils. Mein Stationsleiter vertrat einen kooperativen Führungsstil, welcher offensichtlich der Bereichsleitung nicht gefiel.

Wir wurden ein paar Stunden nachher an der regulären Teamsitzung auch informiert. Der Stationsleiter sass vorne mit den Leitungen, sichtlich gebrochen, mental kaum fähig zu interagieren. Die Bereichsleitung hat das ganze moderiert und sich für die Zusammenarbeit bedankt. Seinen mentalen Zusammenbruch hat sie herzlos ignoriert und nebenbei den Nachfolger vorgestellt, welcher sich freudig und euphorisch vorstellte. Ich empfand dies als Farce, als Blossstellung, von erwachsenen Personen in einem professionellen Umfeld betrieben. Auf die Fragen, Äusserungen und die Entrüstung des Teams wurde gar nicht erst eingegangen.

Aus Reaktion auf diese Massnahme hat eine weitere Angestellte gekündigt.

Wir, der Rest des Teams, haben trotz unzumutbarer Situation versucht, uns dem neuen Stationsleiter gegenüber neutral und loyal zu verhalten.

Auffällig war, dass nun plötzlich – am gleichen Tag seines Stellenantritts – fünf Betten geschlossen wurden. Was vorher unmöglich war, schien nun problemlos möglich zu sein – mit sofortiger Entlastung: In dieser Zeit war es weder streng noch hatten wir Personalmangel.

Die neue Stationsleitung hat mit jedem einzelnen Mitarbeitenden das Gespräch gesucht. Er hat allen versichert, dass er hinter uns stehe und wir die Situation gemeinsam schaffen werden. Er hat uns zugesichert sich loyal, transparent und ehrlich zu verhalten. Seither häufen sich aber die Situationen, welche das Gegenteil zeigen:

  • Unser Berufsbildner hat gekündigt, weil er nicht hinter dem Bildungssystem des USZ steht und er das nicht umsetzen wolle.
  • Wir hatten eine Mitarbeiterin, welche im Mutterschaftsurlaub ist. Sie hatte mit meinem ehemaligen Stationsleiter abgemacht, dass sie 4 Monate unbezahlten Urlaub beziehen könne. Der neue Stationsleiter sagte ihr, weil sie nichts Schriftliches habe, zähle das nicht und er könne ihr den unbezahlten Urlaub nicht geben, weil wir sonst keine Leute hätten. Sie müsse nach Beendigung des Mutterschaftsurlaubes mit ihrem 90%-Pensum zurück auf die Station kommen. Da er nicht mit sich reden liess, hat meine Kollegin daraufhin widerwillig gekündigt.
  • Unsere stellvertretende Stationsleitung wurde vom Stationsleiter rausgedrängt, indem ihr alle Aufgaben entzogen wurden und er sie in nichts einbezog. Sie hat dann nach zwei Monaten resigniert und begonnen, sich intern nach einer anderen Arbeitsstelle umzusehen. Sie hat offiziell beim 14:00 Uhr-Rapport gesagt, dass die Zusammenarbeit mit dem Stationsleiter nicht möglich ist. Ihr wurde das vorgeworfen und ihr nahegelegt zu kündigen. Ein Tag nach der Kündigung wurde sie freigestellt mit der Begründung, es herrsche ein fehlendes Vertrauensverhältnis. Bei den folgenden Rapporten wurde dann kommuniziert, dass sie kurz vor dem Burnout sei und ihr die Freistellung guttue. Ich empfinde das als Rufschädigung und klare Lügen, da bei den vorherigen Rapporten von ihr klar andere Gründe genannt wurden.
  • Als bei einer Mitarbeiterin die Grossmutter starb, wollte sie an der Beerdigung teilnehmen. Die erste Reaktion des Stationsleiters war, dass er ihr dafür nicht frei geben könne. Das, obwohl mehr als genug Leute anwesend waren. Am Schluss hat er ihr dann doch freigegeben.
  • Inzwischen haben weitere Mitarbeitende gekündigt, weil die Zusammenarbeit mit dem Stationsleiter sich sehr schwierig gestaltet. Die Mitarbeitenden, welche gekündigt haben, werden von ihm ignoriert oder er wird ihnen gegenüber laut. Sie bekommen Dauernachtwachen aufgebrummt oder müssen ständig auf anderen Stationen aushelfen, während wir gleichzeitig Mitarbeitende von anderen Stationen erhalten.
  • Während des täglichen Rapports stellt sich unser Stationsleiter als offen für Fragen und Anmerkungen dar. Wenn man jedoch etwas hinterfragt oder konstruktiv kritisiert, kommen keine adäquaten Antworten sondern Anschuldigungen. Man kann mit ihm nichts besprechen, er kommt selten einer Bitte entgegen.
  • Der Stationsleiter wirft den Mitarbeitenden, die gekündigt haben vor, schlechte Stimmung zu verbreiten. Es läuft aktuell vieles schlecht. Die CIRS-Meldungen häufen sich, die Pflegequalität sinkt mit jedem Monat. Es ist auch vorgekommen, dass eine CIRS gelöscht wurde, weil dies kein CIRS sei. Zudem wurde offen gesagt, man solle keine CIRS mehr schreiben, da dies kein gutes Licht auf uns werfe.
  • Gleichzeitig wird die Stationsleitung beim Rapport laut und barsch, obwohl es nur um die Patienteneintrittsaufteilung geht. Wenn man ihn auf seinen Ton anspricht, geht er erst gar nicht darauf ein.
  • Als die Mitarbeitenden ihm ihre Kündigung abgaben, hat er fast bei allen geantwortet, dass das für ihn so passe. Er hat mindestens zwei Personen mit einem schlechten Arbeitszeugnis gedroht, weil diese «schlechte Stimmung» verbreiten hätten.
  • Wir hatten eine Mitarbeiterin mit Longcovid-Syndrom. Sie war ein Jahr lang krankgeschrieben. Sie kam trotzdem regelmässig zur Arbeit und man hat versucht, sie so wieder eingliedern zu können. Das ganze Team stand hinter ihr. Kaum war der neue Stationsleiter da, hat er ihr mitgeteilt, dass es keine Kapazität auf der Station für sie gäbe und man suche für sie im Haus einen anderen Ort. Er hat sie während den HRM-Gesprächen schikaniert, wie sie empfand. Uns wurde gesagt, dass es ihr Arzt war, welcher sie nicht mehr auf die Station liess. Sie selber hat uns aber die Wahrheit geschildert.

Es ist klar, dass der neue Stationsleiter die Bereichsleitung und deren Stellvertretung hinter sich stehen hat und sie ihn gewähren lassen. Ich weiss auch, dass er kaum Entscheidungsfreiraum hat. Jedoch kann ich es nicht akzeptieren, dass man mit solchen Methoden im USZ durchkommt.

Unsere Klinikdirektorin hat sich auch schon an unsere Bereichsleitung gewandt mit der Bitte, mehr Sorge zu tragen zu den Mitarbeitenden auf dieser Station. Aber die Bereichsleitung hat sich nicht offen gezeigt für das Gespräch, sondern sie mit Floskeln wie «neuen Chance» und «Innovation» vertröstet.

Wir haben auch schon schlechte Erfahrungen gemacht mit der stv. Bereichsleitung, welche gleichzeitig auch Stationsleitung ist. Scheinbar mussten mehrere Stellenbewerbende erst auf ihrer Station schnuppern gehen. Das hat die Leute schon irritiert.

Seit sie noch eine zusätzliche Station leitet, gibt es dort viele Stürze, weil sie es – laut Mitarbeitenden – ungern sieht, wenn man Sitzwachen bestellt. Sie wird laut den Mitarbeitenden gegenüber und schreibt emotionale interne Emails in wilden Farben und mit lauter Grossbuchstaben.

Wir hatten einen Mitarbeiter vor einem Jahr, der sich an das HRM und an die Bereichsleitung gewendet hat, weil er etwas nachfragen wollte: Eine Mutter und ihre Tochter arbeiten im USZ in direkt unterstelltem Verhältnis – was den Regeln widerspricht. Die Tochter ist Gruppenleitung auf der Station, welche die Mutter leitet. Die Tochter wird jedoch nirgends als offizielle Gruppenleitung aufgeführt. Auf seine Anfrage beim HR hin wurde der Mitarbeiter freigestellt.

* Der Name der USZ-Angestellten ist uns bekannt. Aus verständlichen Gründen möchte sie ihren Namen hier aber nicht lesen.