Liebe Frauen, liebe Männer
Liebe Angestellte des USZ, liebe Angestellte von anderen Gesundheitsbetrieben
Liebe Anwesende
Vor vier Jahren stand ich hier gegenüber vor der ETH und durfte zu euch sprechen, bevor wir an die Demo zum Frauenstreik losmarschiert sind. Leider könnte ich vieles davon, was ich damals angeprangert habe, einfach wiederholen. Es hat sich nur wenig getan in Gleichstellungsthemen. Einiges ist sogar schlechter geworden: so haben wir mit der Annahme der AH21 einem Rentenabbau zugestimmt, der vor allem die Frauen trifft. Und mit der BVG-Revision drohen noch einmal mehr Verschlechterungen für uns alle. Dazu mehr später.
Wir stehen zusammen vor dem Universitätsspital, dem mit rund 8500 Angestellten grössten Spital der Schweiz. Die grosse Mehrheit der Angestellten im USZ und im ganzen Gesundheitswesen sind Frauen. Und um uns Frauen und unsere Forderungen geht es heute, am 14. Juni., dem feministischen Streiktag in der ganzen Schweiz. Und wenn es um uns Frauen geht, dann geht es um alle, auch um Männer, auch um Politik, auch und vor allem um das Gesundheitswesen.
Fangen wir hier an, beim USZ und beim Gesundheitswesen:
Am 28. November 2021 – vor eineinhalb Jahren! – wurde die Pflegeinitative mit über 60% angenommen. Und was ist seither geschehen? Hat sich etwas verbessert? Spürt ihr etwas davon? Wohl kaum. In Bern wird debattiert und eine Ausbildungsoffensive beschlossen, aber die Verbesserung der Arbeits- und Anstellungsbedingungen wird auch die lange Bank geschoben. Die bürgerliche Mehrheit im Parlament klatscht lieber vom Balkon, als für die Umsetzung der Pflegeinitiative Gas zu geben und Geld zu sprechen.
Schon vor Corona herrschte Personalnotstand. Aber die Pandemie hat das für alle sichtbar gemacht und endlich haben auch die Medien darüber berichtet. Betten werden geschlossen, weil das Personal fehlt. Die Wartezeiten – sogar im Notfall – werden immer länger.
Nachtdienste, Wochenendarbeit, Personalmangel… Das Personal brennt aus und läuft davon. Plexit nennt sich das. Der Exit aus der Pflege. Für euchwird die Last dadurch noch grösser. Immer häufiger müsst ihr einspringen, werdet ihr kurzfristig aufgeboten, weil wieder jemand im Dienst fehlt, auch an Freitagen und sogar während der Ferien. Eine gute Work-Life-Balance, die Möglichkeit euer Leben neben der Arbeit sinnvoll zu gestalten wird immer mehr zum Wunschdenken.
Da die Arbeit so belastend ist, kann fast niemand ein 100% Pensum leisten. Viele reduzieren ihre Arbeitszeit, um den grossen Druck irgendwie aushalten zu können und Zeit zu finden zwischen den Diensten, sich einigermassen zu erholen.
Aber wer dich selber und seine Gesundheit schützt, indem man weniger arbeitet, bezahlt dafür einen hohen Preis: Einerseits gibt es jeden Monat weniger Lohn, während das Leben ständig teurer wird. Und auch die Einzahlungen in die Vorsorgeeinrichtungen, also für eure AHV und für eure Pensionskasse sinken. Weniger arbeiten, um auch noch leben zu können, bedeutet also auch weniger Rente, wenn man pensioniert wird. Es droht Altersarmut. Und Altersarmut, geschätzte Anwesende, ist weiblich. Frauen verdienen ihr Leben lang weniger als Männer und erhalten deswegen auch eine bedeutend tiefere Rente. Im Durchschnitt bekommen Frauen 67 Prozent weniger aus der Pensionskasse als Männer.
Die bürgerlichen Politiker:innen scheint das nicht zu interessieren.
Noch im Abstimmungskampf um die AHV 21 haben die bürgerlichen Parteien Lösungen für das Problem der zu tiefen Renten, vor allem der Frauen, versprochen. Jetzt wollen sie nichts mehr davon wissen. Stattdessen haben sie eine Revision der Berufsvorsorge, der Pensionskassen also, beschlossen, die noch einmal Rentensenkungen zur Folge hat. Bis zu 270 CHF im Monat weniger Rente wird das bringen. Diese Reform bedeutet, verkürzt gesagt, für die Mehrheit der Arbeitnehmer:innen, dass sie ein ganzes Arbeitsleben lang mehr einzahlen müssen, ihnen also jeden Monat mehr vom Lohn abgezogen wird, dass sie aber bei der Pensionierung weniger dafür erhalten. Für Leute mit einem kleinen Einkommen würden die Lohnabzüge um mehr als 7 Prozentpunkte oder deutlich über 150 Franken im Monat steigen. Gleichzeitig sind die Neurenten in der 2. Säule seit 2015 sonst schon um mehr als 10 Prozent gesunken sind.
Liebe Anwesende. Um diese Altersarmut – vor allem von Frauen – zu verhindern ist es wichtig, dass wir alle das BVG-Referendum unterschreiben und dann auch entsprechend abstimmen. Einen weiteren Abbau unserer Altersvorsorge dürfen wir nicht hinnehmen!
Wir streiken heute für gleiche Rechte, gleichen Lohn und für eine Gesellschaft, die uns nicht als Objekte, sondern als Menschen wahrnimmt. Als gleichwertige - gleichwichtige Menschen! Wie wir es 2019 und 2021 gemacht haben.
Aber auch heute gibt es Gewalt gegen Frauen. Alleine dieses Jahr gab es schon 11 Femizide. 11 Frauen sind seit Anfang Jahr durch patriarchale Gewalt ums Leben gekommen. Und viele Frauen leben unter prekären Bedingungen und werden tagtäglich Opfer von häuslicher Gewalt. Die Übergriffe nehmen zu und die Rhetorik von Rechts wird immer aggressiver. Wieso? Wieso hetzen bürgerliche Politiker gegen Gendersternchen und Gleichberechtigung? Haben sie Angst davor, dass wir uns zusammenschliessen, dass wir gemeinsam aufstehen, dass wir uns gemeinsam wehren? Gemeinsam deshalb, weil wir dieses Jahr nicht nur den „Frauenstreik“ begehen - wir begehen den feministischen Streik. Wir sind intersektional und durch unsere Solidarität sichtbarer und stärker.
Wir bestreiken ein System, welches uns unterdrückt, wir bekämpfen das Patriarchat, welches uns kleinhalten will.
Wir bestreiken eine Politik, die uns an die Kasse bittet für ein immer höheres Rentenalter bei immer tieferen Renten.
Wir bestreiken ein Gesundheitswesen, das Profite machen will statt uns Lohn, Zeit und Respekt zu geben.
Und ich sage euch eines und daran glaube ich mit allem, was ich habe: wir werden gewinnen!
Danke, dass ihr heute da seid. Und danke, dass ihr Euch einsetzt.
